Donnerstag, 8. Dezember 2011

342/365 Der große K(o)laus und der kleine K(o)laus




Und weil ihr ja nichts anderes zu tun habt, als hier vor dem Bildschirm zu hocken, bitteschön:



Der kleine Klaus und der große Klaus




Es waren einmal zwei Bauern, die
hießen beide Klaus. Der eine von
ihnen besaß vier Pferde; darum hieß
er der große Klaus. Der andere hatte
aber nur ein einziges. Darum wurde
er der kleine Klaus genannt.
Die ganze Woche hindurch mußte der
kleine Klaus für den großen Klaus pflügen und ihm
sein einziges Pferd dazu leihen. Dafür half ihm der
große Klaus mit seinen vier Pferden am Sonntag.
Dann freute sich der kleine Klaus und knallte mit der
Peitsche über die fünf Pferde vor seinem Flug, und
wenn die Leute an seinen Acker vorbei zur Straße
gingen, so schrie er: „Hüh, alle meine fünf Pferde!“
Den großen Klaus ärgerte das. „Das mußt du nicht
rufen“, sagte er darum, „dir gehört doch nur ein
Pferd. Wenn du nicht aufhörst damit, dann schlage
ich dir deinen Gaul auf der Stelle tot.“ Der kleine
Klaus versprach ihm auch, daß er es lassen wollte,
aber als am nächsten Sonntag wieder die Leute
vorbeigingen, da vergaß er’s und schrie abermals:
„Hüh, alle meine fünf Pferde!“ Da nahm der große
Klaus voller Wut einen Zaunpfahl und schlug das
einzige Pferd des kleinen Klaus vor den Kopf, daß es
tot zu Boden stürzte. „Da hast du: Hüh, alle deine
fünf Pferde!“ sagte er dazu. Da weinte der kleine
Klaus bitterlich, denn nun hatte er kein Pferd mehr.
Dann zog er dem toten Gaul die Haut ab, trocknete
sie und steckte sie in einen Sack; den nahm er auf
den Buckel und ging damit zur Stadt.
Unterwegs aber verirrte er sich, und es war schon
späte Nacht, als er an einen Bauernhof gelangte. Er
pochte an die Türe, weil er durch die Läden noch
Licht schimmern sah, und die Bäuerin machte ihm
auch auf. Als sie aber hörte, daß er ein Nachtlager
begehrte, da sprach sie, ihr Mann sei nicht daheim
und schlug ihm die Türe vor der Nase zu. „Dann
bleibe ich draußen“, sagte der kleine Klaus und sah
sich nach einem Plätzchen um, auf dem er die Nacht
verbringen könnte. Dabei gewahrte er, daß die
niedere Scheuer, die an das Haus angebaut war, ein
dickes Strohdach trug. Er kroch hinauf und streckte
sich bequem aus und da konnte er durch einen Spalt
im Fensterladen gerade in die Bauernstube
hineinblicken. Ein großer Tisch war darin gedeckt
mit Braten, Wein und Fisch, und die Bäuerin und
der Küster saßen daran und ließen es sich schmecken.
„So gut möchte ich es auch haben“, seufzte der kleine
Klaus, aber er war ja nicht eingeladen. Mit einem
Male hörte er jemanden die Landstraße herauf
kommen. Es war der Bauersmann, der spät noch
nach Hause kam. Auch die Bauersfrau hatte ihn
gehört, und weil sie wußte, daß ihr Mann auf den
Tod keinen Küster leiden konnte, so erschrak sie
sehr. Darum bat sie den Küster, er möge doch in die
große Truhe kriechen, die da in einem Winkel stand,
und der Küster kroch geschwind hinein, denn auch er
wußte, daß der Bauer auf den Tod keine Küster
leiden konnte. Den Wein aber und den Braten und
den Fisch versteckte die Frau im Backofen.
Der Bauer hatte den kleinen Klaus aber auf seinem
Strohdach seufzen gehört, und fragte ihn, was er da
oben mache. Er hätte sich verirrt, sagte der kleine
Klaus, und ob er nicht die Nacht dableiben könnte.
„Das versteht sich“, sagte der Bauer, „komm nur mit
herein, und dann wollen wir sehen, daß wir etwas zu
essen kriegen.“
Die Bäuerin kam den beiden auch freundlich entgegen
und stellte einen großen Topf Grütze auf den Tisch.
Der Bauer langte tüchtig zu, aber der kleine Klaus
mußte immer an den Wein und Fisch und Braten
denken, die im Backofen standen. Nun lag unter dem
Tisch zu seinen Füßen der Sack
mit der Pferdehaut, und weil ihm
die Grütze so gar nicht schmecken
wollte, so trat er mit dem Fuß auf
den Sack, daß die trockene Haut
ächzte und knarrte.
„Was hast du denn in dem Sack
da drinnen?“ fragte der Bauer.
„Ach“, sagte der kleine Klaus, „es
ist ein Zauberfell. Es will nicht,
daß wir Grütze essen, denn es hat
uns den ganzen Backofen voll
Wein und Fisch und Braten
gezaubert.“ – „Nicht zu glauben“,
schrie der Bauer, aber als er in
dem Backofen Nachschau hielt, da
war es wirklich so, wie es der
Der kleine Klaus und der große Klaus
kleine Klaus gesagt hatte. Die Frau setzte auch
gleich den Wein und Fisch und Braten auf den Tisch
und die beiden ließen sich nicht nötigen.
Nach einer Weile trat der kleine Klaus abermals auf
das Fell. „Eben hat es gesagt“, erklärte er dann,
„daß es uns noch drei andere Flaschen Wein in die
Ecke beim Ofen gezaubert hat.“ Da mußte die Frau
auch diese Flaschen noch herausgeben, und der
Bauer ist immer lustiger geworden. „Ob es wohl
auch den Teufel herzaubern kann?“ fragte er, „den
möchte ich doch gern einmal zu sehen kriegen.“ –
„Hörst du, wie es Ja sagt?“ antwortete der kleine
Klaus und trat auf den Sack. „Aber wir lassen es
doch besser bleiben, denn der Teufel sieht ganz
scheußlich aus. Er sieht nämlich aus wie ein Küster.“
„O weh“, sagte der Bauer, „das ist allerdings
gräßlich. Ich kann gerade die Küster auf den Tod
nicht ausstehen. Aber nun ist es mir einerlei. Ich
weiß ja, daß es der Teufel ist. Aber laß ihn mir nicht
zu nahe kommen.“ – „Ich will einmal nachfragen“,
sprach der kleine Klaus, trat auf den Sack und hielt
sein Ohr daran. „Du sollst den Deckel von der
großen Truhe aufmachen“, sagte er dann, „die dort in
der Ecke steht. Aber halte den Deckel gut fest, daß er
dir nicht auskommt.“
Da ging der Bauer hin und lüpfte den Deckel ein
wenig. „Wahrhaftig“, schrie er und sprang zurück,
„er sieht genau aus wie unser Küster. Es ist zu
gräßlich.“ Auf diesen Schrecken mußte getrunken
werden, und so tranken sie weiter bis tief in die
Nacht hinein.
„Das Zauberfell mußt du mir verkaufen“, sagte der
Bauer zuletzt, „ich gebe dir einen ganzen Scheffel voll
Geld dafür.“ – „Nicht gern“, sagte der kleine Klaus,
„aber ich will es tun, weil du so gut zu mir gewesen
bist. Aber der Scheffel muß gehäuft voll sein.“ –
„Gehäuft voll“, sprach der Bauer, „aber dafür mußt
du die Truhe mitnehmen. Die will ich keine Stunde
länger im Hause behalten.“
Da gab der kleine Klaus dem Bauern den Sack mit
der Pferdehaut und der Bauer gab ihm noch einen
Schubkarren obendrein, damit er die Truhe fortfahren
könnte. Dann nahm der kleine Klaus Abschied
und zog davon, mit dem Scheffel voll Gold und mit
der Truhe und mit den Küster, der noch immer
darinnen saß.
Auf der Brücke aber, die mitten im Wald über den
tiefen Bach führte, machte er halt. „Was soll ich mit
der alten Truhe?“ fragte er laut. „Hinein mit ihr in
das Wasser, soll sie schwimmen, soweit sie
schwimmen mag.“ – „Um des Himmels willen“,
schrie der Küster, „laß mich doch erst hinaus, ich
gebe dir auch einen ganzen Scheffel Geld dafür.“ –
„Das läßt sich hören“, sprach der kleine Klaus und
machte die Kiste auf, und der Küster fuhr heraus;
nicht lange danach hatte der kleine Klaus noch einen
Scheffel voll Geld, den schob er
mit dem anderen zusammen auf
der Schubkarre nach Hause.
Dort angekommen, schickte er
einen Jungen zum großen Klaus
und ließ ihn um ein Scheffelmaß
bitten. „Was mag der zum
messen haben?“ dachte der große
Klaus und bestrich den Boden
des Scheffelmaßes mit Pech. Wie
erstaunte er aber, als er es
wiederbekam und ein funkelndes
Goldstück darin fand. Eilig
rannte er zum kleinen Klaus, um
ihn zu fragen, wo er all das Geld
her habe. „O“, sagte der kleine
Klaus, das habe ich für meine
Pferdehaut bekommen, die ich gestern Abend verkauft
habe.“
„Das ist gut bezahlt“, rief der große Klaus, rannte
heim und schlug alle seine vier Pferde tot. Dann zog
er ihnen die Häute ab und machte sich damit in die
Stadt.
„Häute, Häute“, schrie er durch die Straßen, wer
kauft frische Häute?“ Da kamen die Schuster und die
Gerber gelaufen, aber als er sagte, daß er einen
Scheffel voll Gold für das Stück haben wollte, da
meinten sie, er wollte sie zum Narren halten, und
prügelten ihn windelweich. „Das werde ich dem
kleinen Klaus bezahlen“, dachte er, als er nach Hause
kam; „ich werde ihn totschlagen.“ Nun war dem
kleinen Klaus gerade seine alte Großmutter
gestorben, und er hatte sie auf sein eigenes Bett
gelegt und sich selber dafür in den Winkel beim Ofen
gesetzt. Mitten in der Nacht ging die Tür auf und
der große Klaus kam mit der Axt herein, fuhr auf das
Bett los, in welchem die tote Großmutter lag und
schlug sie vor den Kopf. „Nun wirst du mich nicht
mehr zum Narren haben, kleiner Klaus“, sagte er
und schlich davon.
Am andern Morgen aber zog der kleine Klaus der
toten Großmutter ihr Feiertagskleid an, lieh sich
Pferd und Wagen und setzte die Großmutter auf den
Rücksitz, so daß sie nicht herabfallen konnte. Dann
fuhr er durch den Wald mit ihr vor ein Wirtshaus und
ging hinein und ließ sich ein Glas Branntwein geben.
„Geht doch hinaus zu meiner Großmutter“, sagte er
zu dem Wirt, „und bringt ihr auch ein Gläschen. Aber
Ihr müßt laut mit ihr sprechen, denn sie hört nicht
mehr gut.“ Der Wirt sagte, daß er das gerne tun
wollte, und ging hinaus, wo die Großmutter still auf
dem Wagen saß. „Hier bringe ich Euch ein Gläschen
von Eurem Herrn Sohn“ sprach er; aber die tote alte
Frau rührte sich nicht. Der Wirt sagte es noch
einmal und sagte es auch ein drittes Mal mit
überstarker Stimme. Aber sie gab keine Antwort.
Da warf er ihr das Glas ins Gesicht, denn er war von
hitziger Gemütsart, und die Großmutter stürzte
rücklings vom Wagen herab.
„Hilf Himmel“, schrie der kleine Klaus und sprang
aus der Türe, „Ihr habt mir meine liebste
Großmutter totgeworfen, seht her, da ist ein großes
Loch in ihrer Stirn.“ Da ward der Wirt sehr
kleinlaut und bot dem kleinen Klaus einen Scheffel
voll Gold, wenn er nur stille schwiege, und der kleine
Klaus war es zufrieden, denn der Wirt wollte die
Großmutter auch noch auf seine Kosten begraben
lassen.
Zuhause angelangt, schickte er abermals den Jungen
um das Scheffelmaß, und der große Klaus kam
sogleich wieder angerannt. „Bist du nicht tot?“ rief
er, „und wo hast du schon wieder das viele Geld her?“
– „Nein“, sagte der kleine Klaus, „statt meiner hast
du meine alte Großmutter erschlagen; ich habe sie
verkauft und habe einen Scheffel Gold dafür
bekommen.“ – „Das ist gut bezahlt, wahrhaftig“, rief
der große Klaus, sprang heim, schlug seine eigene
Großmutter tot und fuhr die Leiche zum Apotheker in
die Stadt, um sie ihm für einen Scheffel voll Gold zu
verkaufen.
„Gott behüte“, sagte der Apotheker, „ich will’s nicht
glauben, daß Ihr wirklich Eure Großmutter
erschlagen habt, denn sonst ist es um Euren Kopf
geschehen.“ Da erschrak der große Klaus zu Tode
und fuhr wie ein Rasender nach Hause zurück. „Das
kostet dich dein Leben, kleiner Klaus“, sagte er,
„nun hast du mich das letztemal zum Narren
gehalten. Damit nahm er einen großen Sack, packte
den kleinen Klaus und steckte ihn hinein. Dann band
er ihn fest zu, nahm ihn auf den Rücken und schleppte
ihn davon. Aber der Weg zum Wasser war weit, und
als er an der Kirche vorbeikam, da stellte er den Sack
mit dem kleinen Klaus auf dem Kirchhof nieder, denn
er dachte, es könnte wohl nichts schaden, wenn er erst
noch einen Gesang mitsänge, und ging in die Kirche
hinein.
Währenddem aber kam ein alter Hirte mit seiner
Herde Ochsen und Kühe des Weges, und die stießen
an den Sack, daß er umfiel. „Ach“, seufzte der kleine
Klaus, „ich bin noch so jung und soll schon ins
Himmelreich.“ – „Und ich bin schon so alt“, sagte
der Hirte, „und kann immer noch nicht hineinkommen.“
– „Laß mich heraus aus dem Sack“, sagte
der kleine Klaus, „und kriech du hinein, dann
kommst du heute noch ins Himmelreich.“ Da ließ ihn
der alte Hirte heraus und kroch selber in den Sack,
und der kleine Klaus versprach ihm, daß er die Herde
hinfort an seiner Statt hüten wollte, band fest zu und
trieb die Ochsen und die Kühe davon.
Der große Klaus aber, nachdem er seinen Gesang
mitgesungen, nahm sich den Sack mit dem alten
Hirten wieder auf den Buckel und schleppte ihn an
den Bach und warf ihn hinein. Nicht lange danach
begegnete ihm der kleine Klaus auf dem Kreuzweg
mit seiner ganzen Herde.
„Ich bedanke mich auch vielmals“, sprach er, „daß du
mich in das Wasser geworfen hast. Dies ist nämlich
lauter Seevieh. Ich habe es vom Grunde des
Wassers; als ich hinuntersank, ist gleich der Sack
aufgegangen, und ich lag in dem herrlichen weichen
Gras, das da unten wächst. Auch eine Seejungfer
war da, die faßte mich liebreich bei der Hand und
sagte: Bist du da, kleiner Klaus? Laß dir fürs erste
die Ochsen und Kühe hier verehren. Eine Meile
weiter hinauf steht freilich eine noch viel schönere
Herde, die sollst du auch noch haben.“
„Was bist du für ein glücklicher Mensch“, sagte der
große Klaus, „ob ich wohl auch etwas von dem
Seevieh bekommen kann, wenn ich hinunter gehe?“ –
„Das sollte ich wohl meinen“, antwortete der kleine
Klaus, „aber hintragen mag ich dich nicht. Wenn du
aber selber bis an den Bach gehst und dort in den
Sack kriechst, – hineinwerfen will ich dich gerne.“ –
„Danke vielmals“, sagte der große Klaus, „danke
allerbestens, aber das merke dir: komme ich hinunter
und findet kein Seevieh vor, dann gibt es Prügel, wie
du noch nie welche bekommen hast.“
Damit gingen sie zusammen zum Bach zurück, und
der große Klaus kroch in den Sack hinein und der
kleine Klaus band ihn fest zu und legte noch einen
tüchtigen Wackerstein mit hinein, denn der große
Klaus befürchtete, daß er sonst vielleicht nicht auf
Grund ginge. Dann gab er ihm einen festen Stoß
und plumps, da lag der große Klaus im Wasser und
ging auch gleich auf Grund.
„Mir ist bange“, sprach der kleine Klaus, „daß er
doch kein Seevieh vorfindet“, und trieb seine Herde
nach Hause.

Nach Andersen.


Isses nicht schön? Und so ganz anders...Andersen halt eben.



















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